Ich bin aufgestanden, gehe zum Bogen, der hinausführt in die Nebel... die Nebel und die Sterne im Grau. Es war nie anders gewesen, es wird niemals anders sein. Meine Schwestern und ich verlassen diesen Ort nicht, wir gehen nirgendwohin und sind doch überall.
Mein Rücken schmerzt, oder ist es nur die Erinnerung an Schmerz? Ich drehe mich um und sehe in das Dämmern des Raumes, sehe meine beiden Schwestern sitzen wie Schemen gegen das matte Licht der Lampe, über ihre Arbeit gebeugt und schweigend. Keine von uns bräuchte das Licht, um unsere Aufgabe zu erfüllen, wir könnten es mit geschlossenen Augen tun. An die Wand gelehnt spüre ich Erleichterung darüber, nicht mit gebeugtem Rücken sitzen zu müssen.
Ich gebe mich dem Genuss hin, die Augen in die Höhe zu richten anstatt auf meine Hände und den Faden. Aber das Blitzen der Scherenklingen erreicht trotzdem meine Augen... es ruft zurück und ich gehe den Weg zu meinem Platz. Sie benutzt schweigend das Arbeitsgerät, meine graue Schwester, und schneidet konzentriert und genau. Kleine sanfte Blitze im weichen Schatten dieser Halle. Als ich vorbeigehe, wird das Murmeln der anderen zu einem Wimmern... oft, ja oft ist das so, ich erinnere mich.
Sie beugt sich tiefer über ihre Fäden, löst hier Knoten und knüpft da andere, schnell und geschickt. Ihre Finger bluten, sie hält ihre Hände immer wieder dicht vor die Augen und murmelt. Streicht glatt und ordnet, legt zusammen und trennt. Es schmerzt sie... ich öffne meinen Mund um zu sprechen, ihr etwas zu sagen.
Es ist ungewohnt, es fällt schwer und ich kann mich nicht an ihre Namen erinnern. An ihre vielen Namen... sie schluchzt leise und schüttelt den Kopf hin und her, während ihre Hände fliegen, und ihre Finger sind feucht von Blut. Als ich bei ihr meinen Schritt verhalte, fällt mir einer der Namen ein und ich sage "Es ist gut... Lachesis... lass... scht... es ist ja gut..."
Zu dieser Geschichte: Sie ist dann verständlich, wenn man über die Nornen oder auch Parzen Bescheid weiß. Die drei Göttinnen kennt der gesamte europäische Kulturkreis... nur die Namen variieren. Die erste spinnt den Lebensfaden, die zweite knüpft die Fäden in das Muster und die dritte schneidet den Lebensfaden durch. In meiner Variation nun hat die mittlere den schwersten Dienst... sie muss es fertigbringen, ihre Fäden nach den Narrheiten und Verwirrungen der Menschen neu zu knüpfen, ob ihr das Muster gefällt oder nicht.
Sie will nie Schlechtes... doch bleibt ihr meist keine Wahl. Denn sie kann nichts festlegen, sie muss den Fluss anpassen. Das Universum hat seine eigenen Muster. Und der Mensch kann im Einklang mit dem Ganzen sein - oder eben in striktem Gegensatz - was wohl meist der Fall ist. Damit nun die Kluft, die Disharmonie nicht zur Katastrophe führt... muss sie angleichen und ausgleichen und in Windeseile knüpfen und lösen und weben.
Meine drei sind eher Dienerinnen, die niemals von ihrer Arbeit befreit werden können... sie leben außerhalb der Zeit.
© Text und Fotomaterial mit freundlicher Genehmigung von Puck Grünenwald für Pressenet